Lovecraft und der Leuchtturm

Es ist ein starkes Bild, das Robert Eggers mit seinem 2019 erschienenen Grusel-Kammerspiel Der Leuchtturm zeichnet: eine Insel, umrandet von spitzem Fels, die tosende See, kreischende Möwen, aufgedunsene Nixen und zwei Männer, die sich mit loser Zunge anknurren, bis auch dem Zuschauer die Ohren bluten. Mit jeder Minute, die in dieser expressionistisch angehauchten Filmperle verstreicht, heult das Nebelhorn lauter auf, die beiden schiffbrüchigen Wärter saufen immer weiter und das Leuchtsignal auf der Spitze des Turms windet sich wie der Verstand der beiden in ewigen Kreisbewegungen in den Abgrund.

Kurzum: Der Leuchtturm ist Lovecraft par excellence. Denn das Kernelement seiner Gruselgeschichten war stets das Unbekannte – dasjenige, das sich der wissenschaftlichen Untersuchung entzieht und jenseits des Fassbaren liegt. Wenn Thomas Wake (Willem Dafoe) durch den morschen Wohnbereich klabastert, steht immer die Möglichkeit im Raum, dass er gar nicht existiert. Bildet sich Ephraim Winslow (Robert Pattinson) das am Ende alles nur ein, um seiner Einsamkeit Herr zu werden?

Die 109 Minuten sind durchzogen von Symbolen und Analogien zu bestehenden Werken aus der Kulturgeschichte. Die Essenz des Leuchtturms ist jedoch seine Atmosphäre, die sich jedem festen analytischen Griff entzieht und in ihrer vom Salzwasser getränkten Plastizität glitschiger ist als jeder Tentakel des großen Cthulhu. Es sind eher Fragen dieser Art, die man sich während des Films stellt: Was schlummert da in diesem dunklen Ozean? Kann man diesem Wahnsinn entrinnen? Wenn nein, wie hält man das aus? Und am wichtigsten: Wie hat es Eggers geschafft, diese Fragen, die sich Lovecraft-Fans schon immer stellen, so genial auf Zelluloid zu bannen?

Bildquelle: Der Leuchtturm © Universal Pictures 2020