Inkorporation der Maschinen

Eine Brille, ein Nasenpiercing, eine Schraube im Handgelenk. Selbstverständlich erhält Technisches Einzug in unsere Körper. Ob es uns anhaftet wie die Brille oder tatsächlich in uns verpflanzt ist, wie die metallene Platte, die eine durch einen Unfall gebrochenen Schädelplatte repariert – mit gesteigertem technologischem Fortschritt lassen sich menschlich-maschinelle Verbindungen, die ästhetische wie optimierende Beweggründe haben können, immer weiter fortdenken.

Wie wir die Nase als Teil unseres genuinen Selbst empfinden, so rückt auch die Brille in das umfassende Bild, das wir von unserem Körper haben.

Freilich ist es so, dass wir zu Beginn einer solchen „Symbiose“ den Gegenstand noch als etwas Fremdes erscheint. Es fühlt sich nicht so an, als ob das Gerät da hingehört, wo es jetzt ist: Die Nasenplättchen der Brille jucken auf der Haut, hinter dem Ohr kratzt der Bügel.

Je länger die Brille der Nase jedoch aufliegt und je weiter dieser Eingewöhnungsprozess voranschreitet, desto stärker gerät die Brille in den Hintergrund unserer Wahrnehmung. So kommt der Moment, an dem wir sie überhaupt nicht mehr als Fremdes wahrnehmen. Viele Brillenträgern kennen das folgende Phänomen: Sie suchen nach ihrer Brille, obwohl sie sie auf der Nase tragen. Die Brille gehört für sie folglich zu ihrem Körper dazu. Wie sie die Nase als Teil ihres genuinen Selbst empfinden, so rückt die technische Sehhilfe in das umfassende Bild, das sie selbst von ihrem Körper haben.

Körperliche Expansion

Es ist also möglich, dass Technik so weit in unsere leibliches Selbst integriert wird, dass wir sie vollständig zu unserem Körper „hinzuzurechnen“. Technologie verändert dabei unsere Zugangsoptionen zur Welt. Durch sie ist es uns möglich, weiter in den Raum, der außerhalb unseres Körperraums besteht, hineinzuragen. Man könnte auch sagen, die Technologie lässt uns im körperlichen Sinne expandieren. Uns und unser Sein zur Welt.

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Bereits ein einfacher Stock, den wir in der Hand halten, verlängert unseren Arm, verändert unser Empfinden von der Welt zur Welt. Nun nehmen wir das, was wir mit dem Stock berühren, unmittelbar wahr. Sitzen wir auf einem Boot und treiben auf dem Fluss, so werden wir mit dem Ruder das Wasser verdrängen, um vorwärtszukommen. Wir spüren den Zug, den Widerstand so, als ob wir unsere Hände ins Wasser hineintauchen und loshantieren. So treiben wir das Boot voran.

Jenes Bild, das wir selbst von unserem Körper haben, hat sich transformiert, indem Technik – ganz im biologischen Sinne der Umwandlung von aufgenommenen in körpereigene Nährstoffe – assimiliert wurde. Mit dem auch in der Medizin verwendeten Begriff des Körperschemas kann jenes Körperbild als strukturell erfasst und so zu einer Vorstellung davon werden, wie wir unseren leiblichen Handlungsspielraum verstehen. Davon, wie wir in der Lage sind, ihn einzusetzen. Schließen wir die Augen, so wissen wir dennoch um unsere Glieder und wo sie sich befinden. Besonders jedoch, wenn wir uns bewegen, sind wir uns unseres Leibes, dessen Potenzial, aber auch dessen Grenzen bewusst.

Ich bin der Leib, ich habe einen Körper

Ich bin der Leib, ich habe einen Körper, der mich in der Welt in Stellung bringt, um mit ihr in Verbindung zu treten. Folgt man der Theorie des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty, die er in einem seiner Hauptwerke, der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ (1945), ausformulierte, so ist der Körper als Medium zu denken, der das „Um-mich-herum“ an mich vermittelt und dabei in der Lage ist, das eigene Selbst zu offenbaren und in die Welt zu tragen. Wir sind also nur deshalb der Welt zugerichtet, weil wir den Körper als Ganzen als Vermittler zwischen uns, also dem Leib in seiner singulären Gestalt, und der Außenwelt als dynamisches Fleisch, dem Körper, zu verwenden imstande sind. Der Körper ist dabei stets und vollends in unserer Wahrnehmung eingeschlossen. Zugleich nehmen wir durch ihn wahr.

Der Körper ist in unserer Wahrnehmung eingeschlossen. Zugleich nehmen wir durch ihn wahr.

Unser Wahrnehmungspotenzial ist dadurch jedoch nicht erschöpft. Wir sind dazu in der Lage, mit unseren Sinnen Vieles zugleich zu erfassen. Wir fahren Auto, hören dabei Radio und unterhalten uns mit dem Beifahrer. Diese Hürde des Multitaskings wird in den seltensten Fällen zu einem Problem. Benutzen wir jedoch Geräte, die dem leiblichen Responsorium, wie Bernhard Waldenfels, deutscher Philosoph und einer der wichtigsten Denker der gegenwärtigen Phänomenologie, das leibliche Empfänglichkeitssystem beschreibt, in über die Maße vielen Registern (also Sehen, Hören, Tasten) zugleich begegnet, so ist ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich.

Die Phänomenologie. Eine philosophische Denkart, die die Dinge so zu erfassen versucht, wie sie uns erscheinen.

Dass viele Autounfälle dadurch zustande kommen, weil der Fahrer nebenbei ein sein Smartphone benutzt, ist ein Resultat einer unterschätzten Wirkung digitaler Technologie und zudem ein Indikator dafür, dass unser Leib nur über ein gewisses Wahrnehmungspotenzial verfügt. In der Forschung spricht man auch von einem Bewusstseinsfeld, das durch einfache Technik zu Teilen und durch komplexe Instrumente gar völlig vereinnahmt wird. Eben aus diesem Grund bietet sich dafür die Phänomenologie an. Sie bezeichnet eine philosophische Denkart, die die Dinge so zu erfassen versucht, wie sie uns erscheinen. Es geht darum, die Art der Erfahrung zu beschreiben, die dem Handeln, dem Wirken, letztlich dem In-der-Welt- und Zur-Welt-Sein als solches zugrunde liegt.

Ich bin zu zwei Welten

Besonders lohnend scheint ein postphänomenologischer Blick, der zudem begriffliche Voraussetzungen (wie das Bewusstseinsfeld) schafft, technischen Erscheinungen adäquat zu begegnen, auf die Möglichkeit einer technologischen Transformation des Leibes. Besonders dann, wenn es sich bei der extrakorporalen, assimilierten Gerätschaft um ein möglichst sinnesübergreifendes Instrument handelt. So übersteigt das Maß der Einwirkung auf den Leib einer Virtual Reality-Brille das eines Smartphones noch einmal um ein Vielfaches. Stülpen wir uns diese Vorrichtung über unseren Kopf, so sind wir nicht mehr zur Welt, sondern vielmehr zu zwei Welten.

Über das Medium der VR-Brille bewegen wir uns in der virtuellen Welt, indem wir uns über das Medium des Körpers in der realen Welt bewegen.

Wir bewegen uns nunmehr über das Medium der VR-Brille in der virtuellen Welt, indem wir uns über das Medium des Körpers in der realen Welt bewegen, und bewegen uns so in beiden Welten. Über das Medium der Brille wird eine zusätzliche Realität generiert; eine Virtualität, die tatsächliches simuliert, in der wir gleichsam unser zweites Standbein setzen können. Sie kann dabei als ebenso real gesehen werden wie die im herkömmlichen Sinne verstandene Realität, ist sie doch jenes, was wir wahrnehmen, das wir als real wahrnehmen.

Das technische Gerät, das diese zweite Realität zulässt, verschwindet in dieser gänzlich, da es in der virtuellen Welt keinen Nutzen hat und lediglich Mittler an unseren Körper ist, der wiederum an uns als Leib vermittelt. In der ersten Realität ist das Gerät vollends in unser Körperschema übergegangen. Es ist inkorporiert, sodass es sich in unser genuines leibliches Selbstverständnis einfügen kann.

Versetztheit durch Virtualität und Anomalie

Unsere Wahrnehmung beider Realitäten und ihr Verhältnis zueinander zu erfassen, soll nun angestrebt werden. Dazu bietet sich die Beschreibung des folgenden Phänomens an, das mir im Programm „Hand Physics Lab“ widerfahren ist. Prämisse, dass dieses Phänomen für die Betrachtung des Gegenstandes dienlich ist, ist die nicht-ausgefeilte Technologie, die dem Programm zugrunde liegt. Die Idee ist es, dass mit dieser Software Joysticks nicht mehr dafür notwendig sind, in die Virtualität einzugreifen. Mit der VR-Brille auf dem Kopf werden die Hände als solche von der Hardware registriert. Wenn ich nach unten blicke, so erkenne ich schemenhaft meine Hände und das reicht aus, um um sie zu wissen.

In “Hand Physics Lab” gibt es zahlreiche Minispiele, in denen man seine Hände bewegen und mit der virtuellen Umwelt in Interaktion treten kann. Man legt zum Beispiel seine Hände in eine virtuelle Schale, die mit Farbe aufgefüllt ist. Das Ziel ist es, die Hände komplett in die Farbe zu tunken, so dass sie schließlich farbig sind. Nun ist es allerdings so, dass die Bewegungen, die ich in der ersten Realität vollführe, denen der zweiten Realität voraus sind. Hier scheint die Technik nicht ausgereift zu sein. Will ich meine Hand in das Farbbecken legen, so ist meine Hand in der ersten Realität bereits an dem Punkt angelangt, noch ich schließlich im virtuellen Farbbecken ankomme. Mögliche Fehler in der Programmierung oder eine nur eingeschränkt gegebene Kompatibilität der Software mit der Hardware könnten der Grund für jene Asynchronität sein.

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Der Ansatz der filmischen Metakritik kann an einer etwaigen Erschöpfung der Diskursmöglichkeit ansetzen: eine mediale Umorientierung, die den Fokus in einer Diskussion auf den Gegenstand zu legen in der Lage ist.

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Versucht man dieses Phänomen von außerhalb der Virtualität zu betrachten, so gelangt man zur Erkenntnis, dass mein Leib diesen Weg mit dem Körper, den er hat, geht; jedoch ist er in seiner Wahrnehmung an diesem Punkt angelangt, noch bevor es sein Körper ist. Diese Versetztheit, die jenes Zu-zwei-Welten-Sein gepaart mit der technischen Anomalie zur Folge hat, führt zu Erstaunlichem: Nehme ich jetzt nach ein paar Minuten die VR-Brille ab, nachdem ich mich an die Asynchronität meiner Wahrnehmung gewöhnt habe, diese also zu einer Synchronität mit der divergenten Doppelstruktur geworden ist, so ist meine Wahrnehmung in der ersten Realität nun versetzt.

Ich nehme die Versetztheit als Trägheit wahr, als würde ich in der Luft Schwimmzüge vollführen.

Ich bewege meine Hand in der Annahme, dass sie mir nachzieht. Stattdessen vollzieht sich mein Körper synchron mit meinem Leib, wie er es vor der virtuellen Erfahrung getan hat. Meine als synchronisierte asynchrone Wahrnehmung ist an diese Vergenz jedoch nicht mehr gewöhnt. Nun bin ich als Leib meiner körperlichen Bewegung hinterher. Ich nehme es als Trägheit wahr, als müsste ich in der Luft Schwimmzüge vollführen. Eine körperliche Aktivität, die durch den Widerstand des Wassers schwer ist.

Leiblich-körperliche Divergenz

In Rückbezug auf die Leiblichkeitstheorie bedeutet das, dass der leiblich-körperliche Chiasmus, also die Verschränkung, durch die Konvergenz von Virtualität und Realität nun also aufbricht. Die Dualität von Leib und Körper zeigt sich nicht länger in einem verschränkten Zustand. Dieser Vorgang resultiert in einer leiblich-körperlichen Divergenz, die als Beweis dafür dienen kann, dass beide Strukturen des Selbst, Leib und Körper also, in der menschlichen Wahrnehmung Bestand haben und für diese gleichermaßen Voraussetzung sind.

Die leiblich-körperliche Doppelstruktur bricht durch die Konvergenz von Virtualität und Realität, die wir zugleich wahrnehmen, auf. Die Dualität von Leib und Körper zeigt sich nicht länger in verschränktem Zustand.

Durch ihre Verschränkung in jenem Zur-Welt-Sein sind sie im realen, leiblich-körperlich verklammerten Bewegungsvollzug allerdings nicht unmittelbar als solche erkennbar. Jedoch scheint das technologisch initiierte Zu-zwei-Welten-Sein, dem ja eine mediale Doppelung aus Körper und technischem Gerät zugrunde liegt, diese Doppelstruktur offenzulegen.

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Transformiert Technik also nicht nur unsere Körper, indem sie ihm anhaftet, ihn durchdringt, in ihm verwurzelt ist, sondern auch unsere Wahrnehmung von diesem? Die Grundvoraussetzung der Einverleibung von Technischem scheint dabei die Eingewöhnung zu sein. Sich an etwas gewöhnen setzt voraus, dieses Etwas in derselben Art regelmäßig und für einen gewissen Zeitraum zu praktizieren. Die virtuelle Brille wird nach ein paar Minuten, in der wir uns in der Virtualität bewegen, und somit wohl noch schneller und stärker in das Bewusstseinsfeld integriert, als es bei einer normalen Brille der Fall ist. Auch sie verändert unser leibliches Selbst, indem es unseren Zugang zur Welt in optischem Sinne verbessert und gleichsam unsere Wahrnehmung von der Welt optimiert.

Jedoch scheint sich bei einer Technik, die sinnesübergreifend auf den Körper einwirkt, eine neue Möglichkeit der Alterität aufzutun. Die Virtualität wirkt als alternative Realität auf uns ein und formt so das Verständnis, das wir von uns und unserem Körper haben. In der Virtualität spielen Geräte der ersten Realität keine Rolle mehr, da sich in ihr ein neues Bewusstseinsfeld eröffnet, das aufs Neue in Register unterteilt Fremdes aufnimmt und von Virtuell-technischem vereinnahmt wird. Zur Gewöhnung an die VR-Brille kommt also zusätzlich das zweite Bewusstseinsfeld ins Spiel, das das Eindringen des Technischen in den Körper nochmals überschreibt.

Bildquelle: The Matrix © Warner Home Video