„Es geht um Kontraste“

Johanna Rieger ist Intendantin des Sommertheaters Klosterneuburg, Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin und schlägt in ihrer Sitcom „Die Brunnen4tler“ einen sozio-kulturkritischen Ton an. Im Interview erzählt sie, wie sie mit der Ibiza-Affäre in Berührung kam und warum sie der Vergleich mit Rainer Werner Fassbinder überrascht.

Von Jonathan Ederer

Hallo Johanna, rufst nicht aus dem Café Sissi an?

Nein, das hat gerade zu. In echt ist das ja das Café Florida in der Ottakringer Straße.

Und da ist das Brunnenviertel?

Ja, genau. Das Café ist der Schauplatz von der Serie. Das Brunnenviertel ist für jeden Wiener ein Begriff. Das ist eine eigene Welt.

Eine kurze Erklärung für alle Nicht-Wiener?

Genauer gesagt sind wir am Yppenplatz. Und das Café ist eher eine Kneipe, die von der Wirtin Sissi geschmissen wird. Wir haben so lange eine geeignete Location gesucht und ich hab schon fast aufgegeben, bis wir dann doch das Florida gefunden haben.

Und die Sissi spielst du.

Das ist meine Rolle, ja. Sie ist schon ein wenig eigen, hat wasserstoffblonde Haare, oft ein recht knalliges Outfit und ein bisserl grantig schaut’s auch manchmal. Aber sie meint’s ja gut mit den Menschen.

Obwohl die manchmal schon auch sehr schrullig sind.

Das Beste ist ja, dass wir gar keine Statisten gebraucht haben. Die Menschen, die du in der Serie siehst, wie sie aus und eingehen, sind Stammkunden in der Kneipe. Des san super eigene Typen.

Und genau das macht es aus: die Authentizität

Ja, und dank dem Sitcom-Charakter der Serie waren wir ziemlich flexibel, was die Planung angeht. Die Leute, die sowieso kommen und und ein Bier trinken wollten, durften rein und wir haben sie aber auch nicht gestört, wenn wir gedreht haben. Das war ein ganz angenehmes Zusammenwirken.

Es gibt eine Szene, die wirkt – obwohl sie natürlich geskriptet ist – auch recht spontan. Ich denke an das Strip-Poker, das am helllichten Tag gestartet wird.

An dem Tag haben wir schon in der Früh um 7 Uhr mit Bier und Schnaps angefangen.

In zwei Sätzen: Um was geht es für dich in „Die Brunnen4tler“?

Ich würde sagen um Kontraste – darum, dass die Sissi einer alten Kneipenkultur nachtrauert, die es in der Form schon lange nicht mehr gibt. Und trotzdem versucht sie, mit der Veränderung, die in dieser großen Stadt mit jedem Tag weiter um sich greift, mitzuhalten.

Immer neue Menschen und kulturelle Vielfalt ist in Österreich und natürlich auch in Deutschland ja oftmals ein Streitthema. War es schwer, den schmalen Grat zu beschreiten?

Dieses Mal ging es ganz gut. Wir waren ja auch nicht zu böse und die Message ist klar. Ich hab nach meiner Schauspielkarriere viel geschrieben und das war nicht das erste Projekt, mit dem ich drohte anzuecken.

Welche waren das?

Meine ersten Schritte im Filmgeschäft habe ich mit „Marie hat voll die Krise“ im Jahr 2008 gemacht. Da hat meine Tochter die Hauptrolle gespielt – eine C0ming-of-Age-Geschichte, in der eine verzogene Jugendliche mit Vorurteilen im Gepäck nach Wien kommt und dadurch in so manche unangenehme Situation gerät …

… der berühmte Wiener Bauunternehmer Richard Lugner hat hier ja auch einen Gastauftritt …

… Ja, der ist auch dabei. Und wenn wir schon bei den Promis sind: meinen zweiten Film „It Girl“ hat man damals aus dem Programm genommen. Das war kurz nach dem Bekanntwerden der Ibiza-Affäre vom Strache. Als hätte ich es gewusst …

Heißt das, du glaubst, dass Heinz-Christian Strache, der frühere österreichische Vize-Kanzler und FPÖ-Parteiobmann, veranlasst hat, den Film zu indizieren, weil du darin unangenehme Themen angesprochen hast?

Ja, so kann man das sagen. Ich muss zugeben: Der Antagonist des Films, der versucht, das Landei Ani (Anm. d. Red.: das It-Girl) und ihre Jungfräulichkeit zu monetarisieren, heißt „Rache“. Aber, dass der sich gleich so beleidigt fühlt, hab ich nicht gedacht. Ich glaub, dass da schon versucht worden ist, dass man den Film nicht mehr so leicht anschauen kann.

Zurück zu den schöneren Dingen: „Die Brunnen4tler“ wurde von der Rundfunk-Förderung unterstützt, lief erst nur in Österreich und jetzt mit Amazon Prime quasi auf der ganzen Welt.

Ja, das ist schon super. Andererseits weiß ich nicht, wie das außerhalb von Österreich ankommt. Sagt dir das Brunnenviertel was?

Ehrlich gesagt, nicht, aber von der Tonalität hat mich das teilweise stark an die Filme von Rainer Werner Fassbinder erinnert.

Das ist aber ein schönes Kompliment. Bei mir geht es aber eine Spur lockerer zu. Hier treffen die Krocha (Anm. d. Red.: Mitglieder einer Jugendkulturszene vor allem im Jahr 2008) auf die Bobos aus den gehobenen Vierteln ausm MuseumsQuartier. Da wären wir auch wieder bei den Kontrasten, die ich mithilfe der Figuren herausarbeiten will.

Auch an den Wiener Schriftsteller Arthur Schnitzler habe ich denken müssen. Die Mitzi …

… Ja, die Mitzi. Die ist eine typisch Wiener Figur. So a bisserl naiv, aber sie hängt schon noch sehr am Glauben an ein romantisches Leben in Zweisamkeit.

Romantisch wird es ja auch im Sommer in einem von dir intendierten Theaterstück zugehen.

Ja, hoffentlich können wir dieses Jahr wieder starten. An unserem Sommertheater Klosterneuburg ist „Die Trilogie der Sommerfrischler“ von Carlo Goldoni geplant. Es geht tatsächlich auch um das Spiel um Liebe und gesellschaftliche Anerkennung.

Bildquelle: Ulrich Öhlinger