Expansiv über das Objekt: ein synkritischer Beitrag zur kritischen Phänomenologie

Ein Zugang zu Phänomenen ist ohne Räumlichkeit und Leiblichkeit nicht denkbar.

In folgendem Text soll auf Basis der Phänomenologie der Wahrnehmung des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty diskutiert werden, welche Rolle der Leib, der Körper und die Gegenstände im Raum in Bezug auf rassifizierte und sexuierte Räumlichkeit haben.

Die These: Es existiert eine vermachtete Struktur der Raumerfahrung.

1 Raum und kritische Phänomenologie

Die Aufgabe der kritischen Phänomenologie ist es, hinter den Normalitätshorizont der sich verfestigten Phänomene zu gelangen und diese unter gesellschaftskritischen Kriterien zu betrachten. Das Ziel ist es, die originär erscheinenden und eingefleischtesten Phänomene (unter Phänomenen sind in diesem Kontext Empfindungen und Sinnesdaten zu verstehen, die dem Bewusstsein durch äußere oder innere Erfahrung gegeben sind) als solche zu entlarven, weil sie keineswegs schon immer existieren – auch sie wurden produziert. Einen Zugang zu jenen Phänomenen zu erlangen, ohne die Räumlichkeit miteinzubeziehen, ist dabei nicht denkbar. So untersucht Shannon Sullivan den Raum, um über die Weiß-heit des Raumes (d.i. die Beschaffenheit des Raumes, die durch Einwohnen der Weißen in diesen zustande kommt. In der Folge können sich Weiße hier in einem höheren Maße ungehindert bewegen) als Norm in westlichen Gesellschaften aufzuklären, indem sie eine gelebte Räumlichkeit privilegierter Gruppen ausformuliert und daraus eine „ontologische Expansivität“ ableitet: „While non-white people often are compelled to live their space in restrictes ways, white people tend to manifest a habit of lived spatiality that I call ontological expansiveness.“ (Sullivan: Revealing Whiteness. S. 144) Da das Ontologische nicht unmittelbar klar wird – Sullivan spricht selbst von einem gedanklichen Abstraktum (Vgl.: Sullivan: Ontological Expansiveness. In: 50 Concepts for Critical Phenomenology. S. 249) – empfiehlt es sich, vorerst von einer nicht-gehemmten Ausdehnung im Raum vonseiten bestimmter Körper sprechen.

Weiter beschreibt Sullivan das Raum-Subjekt-Gefüge näher und konstatiert einen vom Subjekt ausgehenden Einfluss auf den Raum. Im von Maurice Merleau-Ponty in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung verwendeten Begriff der „projective intentionality” erkennt sie im Rassismus-Kontext eine Lizenz für Weiße, sich ungehemmt im Raum bewegen zu dürfen, da es jedem Menschen freisteht, über seine Bewegungsumfang zu bestimmen und zu verfügen und sich daher jedes Individuum so ungehemmt ausdehnen sollte, wie es ihm möglich ist. Sie überträgt die Ursache des Phänomens also auf das Subjekt, das selbst und ausschließlich die Bedeutung auf die Welt und in die Gegenstände projiziert. Problematisch an dieser Beobachtung ist, dass schon Merleau-Ponty keineswegs davon ausgeht, dass ausschließlich Menschen Bedeutung in den Raum übertragen. Im Gegenteil: Raum und Gegenstände kommen je nach Konstellation und Position mit ihrer Bedeutung gleichsam auf den Leib zu – dem Menschen wird somit die Freiheit in seinen Bewegungen und Intentionen ein Stück weit abgesprochen. Die Vermittlung jener Bedeutung ist wiederum nur mittelbar durch die Geschichte, Vergangenheit und unmittelbare Perzeption eines Objekts, die gesellschaftliche Konnotation von oder der persönlichen Bindung zu einem Gegenstand zu begreifen. Die Untersuchung von Sara Ahmed in ihrer Queer Phenomenology zum queeren Verhältnis zu den Gegenständen könnte diese Diskrepanz auflösen. Sie versteht den Raum und vor allem die Gegenstände selbst als Teil des phänomenologischen Ursprungs. Da Objekte im Raum durch Affekt oder Stellung verschieden vordergründig oder hintergründig positioniert sind, wirken sie unterschiedlich auf den Leib. Dabei greift Ahmed zwar auch die perspektivische Beschreibung des Zur-Welt-seins von Merleau-Ponty auf, von einer rein vom Subjekt ausgehenden Expansivität, wie sie Sullivan formuliert, kann jedoch nicht gesprochen werden.

Ausgehend von beiden Ansätzen stellt sich die Frage, inwiefern die von Sullivan beschriebene gelebte Räumlichkeit ontologisch zu verstehen ist und ob auch der lebendige Raum, der auf das Subjekt einwirkt, expansiv sein kann. Vereinbar scheinen die Ansätze von Sullivan und Ahmed schon in dem Sinne, dass erstere von der Unmöglichkeit einer räumlichen Neutralität (Vgl.: Sullivan: Revealing Whiteness) spricht. Man kann in der Folge davon ausgehen, dass dem Raum auch als solchem eine gewisse Rolle zukommt. Im Folgenden soll diskutiert werden, inwiefern sich beide Ansätze zusammenführen lassen. Es wird die Frage gestellt, inwiefern auch Objekte im Raum expansiv sein können und ob diese Bereiche auch interdisziplinär anwendbar sind. Um das zu zeigen, soll der Ansatz sein, die mit gendertheoretischen Aspekten verwobene Theorie zur Rassismusforschung wiederum auf ein Problem aus der Critical race theory anzuwenden.

2 Gelebte und lebendige Räumlichkeit

Während sich die gelebte Räumlichkeit auf das Subjekt und seine Bewegung im Raum bezieht, bedeutet lebendige Räumlichkeit eine Aktivität vonseiten des Raums. Zwar liegt dem Gegenstand bereits eine bestimmte Intention, eine Norm zugrunde und dahinter der unmittelbare Betrachtungs- und Normalitätshorizont, die Unmittelbarkeit der Expansivität eines Subjekts lässt sich aber ebenso durch Mittelbarkeit und über einen Gegenstand ausmachen, indem man Objekte untersucht, deren Ursprungshabitat unter Zwang verändert wurde.

2.1 Bewegung vom Subjekt

Merleau-Ponty beschreibt den Leib als Ausgangspunkt eines subjektperspektivischen Zugangs zur Lebenswirklichkeit. (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 91 ff.) Da an diese Realität auch die Möglichkeit eines Zugangs zur Erkenntnis geknüpft ist, ist nur über den Leib selbst ein Zugang zur Welt an sich, also ihrer Phänomenhaftigkeit, überhaupt denkbar. Dabei nimmt Merleau-Ponty eine Perspektive ein, durch die er dem Leib ein Zur-Welt-sein zuschreibt, das erst durch Orientierung in der Welt Sinn hat und so wiederum den Weg für die kritische Phänomenologie ebnet, deren Gegenstand die Lebenswelt ist. Der Leib ist dabei nicht nur Ursprung einer leiblichen Bewegung in der Welt. Merleau-Ponty berechnet in ihm einen weitaus größeren Wirkungsradius – einen, der über das Subjekt hinausreicht: „Meinen Leib, der mein Gesichtspunkt für die Welt ist, betrachte ich als einen unter den Gegenständen dieser Welt.“ (Ebd. S. 95) Vielmehr ist der Leib und sein „Hier“ also der Ausgangspunkt, der durch Akzentuierung seiner einzelnen Glieder, deren Ausrichtung auf Objekte sowie der Orientierung des Körperraums über Objekte definiert wird. Er ist die erste Koordinate überhaupt (Vgl.: ebd. S. 125), die eine Verortung im Raum und jegliche Perspektive erst möglich macht.

2.1.1 Doppelbewusstsein und Bruch in der Wahrnehmung

Es ist das eine, die Welt, den Zugang zu ihr und die Position des Leibes im Raum in perspektivischen Strukturen zu denken: „Denn wenn es wahr ist, daß ich meines Leibes bewußt bin im Durchgang durch die Welt, daß er, im Mittelpunkt der Welt, selbst unerfaßt, es ist, dem alle Gegenstände ihr Gesicht zukehren, so ist es aus demselben Grunde nicht minder wahr, daß mein Leib der Angelpunkt der Welt ist.“ (Ebd. S. 106) Ist das Ziel jedoch ein Zugriff auf jene Lebenswelt, deren Beschreibung und Analyse, um Phänomene auch als solche ausmachen zu können, so kann die Verankerung eines Doppelbewusstseins im Subjekt, über das sich ein Subjekt in der Lebenswelt erst als solches versteht, als Instrument dafür dienen, auf die Phänomene und die in der Lebenswelt sich verfestigten Strukturen zugreifen zu können.

Das Doppelbewusstsein ist dabei über das reine Bewusstsein des Eigenleibes hinaus als eine Wahrnehmung des eigenen Leibes zu verstehen, in Abhängigkeit davon, wie er auf Andere wirkt und wie ihn diese wiederum in der Lebenswelt wahrnehmen. In der Folge nehmen Menschen, die die Welt mit jenem Doppelbewusstsein wahrnehmen, zu sich selbst eine gewissermaßen dingliche Haltung ein, die mit der Bedingtheit ihrer Bewegungsmöglichkeiten in einer für sie fremd besetzten Lebenswelt einhergehen, da stets der fremde Blick, der auf sie gerichtet ist und dem eigenen Blick auf Objekte nahekommt, im Fokus der eigenen Wahrnehmung ist. Sullivan stellt hierzu die These auf, dass der lebensweltliche Raum durch den weißen Einwohner definiert ist (Sullivan: Revealing Whiteness. S. 143 ff.). Ausgehend von ihrer Theorie einer ontologischen Expansivität der Weißen, die es den nicht-Weißen unmöglich macht, sich frei im Raum zu bewegen, sind es meist die marginalisierten Gruppen der Gesellschaft, die eine doppelbewusste Wahrnehmung von der Lebenswelt haben.

Die von Sullivan erwähnte, eigentlich lediglich scheinbare, aus ihrer Sicht aber nicht existente Neutralität des Raumes kann als solche erkannt werden, wenn sich Weiße darüber bewusst werden, dass eine solche scheinbare Neutralität nur zustande kommt, da sämtlicher Raum weiß aufgeladen ist, und sie in der Folge expansive und ungehemmte Bewegung zur Norm erheben. Durch diese weiße Konnotation des Raumes entsteht aus der Perspektive des privilegierten Leibes eine räumliche Neutralität, die tatsächlich illusorisch ist, da jene Färbung, aus dem gleich gefärbten Blick wahrgenommen, gleichsam neutralisiert wird und in einem nicht-weißen Licht erscheint. Diese Illusion wiederum kann mittels eines doppelbewussten Blicks als solche erkannt werden. Durch die Möglichkeit eines Gewahrwerdens dieses Phänomens wird eben jenes zum Dilemma des scheinneutralen Raumes, denn zu Teilen können Weiße diese unbewussten Gewohnheiten der gelebten Räumlichkeit – in ihrem Fall von expansiver Eigenschaft – nur herausfordern, indem sie sich auch im Raum expansiv bewegen.

Wie soll es also möglich sein, dass sich in der Wahrnehmung der Weißen eine solche Bewusstwerdung vollzieht? Zentral ist die Frage, ob es für Weiße in einem ihnen neutral erscheinenden Raum überhaupt möglich ist, zu versuchen, ihre eigenen unbewussten Gewohnheiten zu ändern. Eine Antwort kann die Bruchlinie zwischen disruptivem Erfahrungsmoment und Reaktion auf Widerfahrnis sein, den Bernhard Waldenfels beschreibt: „In der Erfahrung selbst öffnen sich Spalten und Klüfte, in denen das Selbst sich von sich selbst entfernt.“ (Waldenfels: Bruchlinien der Erfahrung. S. 204.) Er beschreibt diesen Bruch als Markierung, die sich aus Verflechtung und Wechselwirkung von Pathos, also eine Erschütterung der eigenen Erfahrung, und Response, also die direkte Antwort des Subjekts auf diese Erschütterung, ergibt. Durch den fremden Blick, den Marginalisierte mit ihrem Doppelbewusstsein auf selbst sich selbst richten, entfernt sich das Selbst in der Tat von sich selbst, indem es sich nicht mehr als Sich-selbst wahrnimmt, sondern eben jene dingliche Haltung zu sich einnimmt und sich so gleichsam objektiviert.

Folglich ist kann es durchaus dieser Bruch in der Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt sein, der gelebte Räumlichkeit – im Fall des weißen Privilegs die selbstverständliche und sich selbst als Phänomen verfestigte und ungehemmte Ausdehnung im Raum – auch in der weißen Wahrnehmung erschüttern kann, indem sich der privilegierte Leib weiterhin ungehemmt ausdehnt. Als Beispiel schildert Sullivan eine Situation in einer Benetton-Boutique in den 80er Jahren, zu der einer schwarzen Teenagerin der Zutritt verwehrt wurde. (Vgl.: Sullivan: Revealing Whiteness. S. 144 f.) Es war ein einfacher Angestellter, der sie nicht in das Geschäft ließ, dessen unbegründete Verbotshaltung von seinem Vorgesetzten jedoch nicht in Frage gestellt wurde, da es einen Aufruhr in diesem weiß-besetzten Raum bedeutet hätte, der nicht mit weißen Gepflogenheiten und verfestigten Verhaltensweisen in Einklang gebracht werden kann, hätte er seinem Angestellten eine Szene gemacht und gefragt, warum er der schwarzen Teenagerin den Zutritt verwehrt hat. Das bedeutet, dass dieses Doppelbewusstsein auch in der weißen Wahrnehmung verankert ist, jedoch meist auf die Wahrnehmung durch weiße Blicke reduziert ist. Dieses enge, ausschließlich auf dieselbe Farbe fixierte Blickfeld in der weißen Doppelbewusstseinsstruktur, das wiederum die Illusion ei- nes neutralen Raumes verfestigt, ist der Ansatz, der es den Weißen – in invertierter und den Blick erweiternder Form – möglich machen kann, zu versuchen, ihre eigenen unbewussten Gewohnheiten zu ändern: Erst, wenn man den Menschen phänomenologisch als Teil seiner ihm sinnhaften und somit sinnhaften Umwelt versteht, kann man erörtern, welche Missstände zugrunde liegen.

2.1.2 Ausbreitung und Hantierbarkeit

Einen solchen Bruch, eine „Erschütterung als Weise des Zur-Welt-seins“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 111), beschreibt Merleau-Ponty anhand des Phantomglieds. Wenn dem Leib der Arm zur Interaktion mit der Umwelt nicht mehr zur Verfügung steht, ergibt sich ein Dilemma, das zugleich eine Ontologie des Hantierbaren preisgibt: Auf der einen Seite sind die handhabbaren Gegenstände nicht mehr zu greifen, sie wenden sich gleichsam vom Leib ab; auf der anderen Seite kann dem Hantierbaren aber das Hantierbare nicht aberkannt werden, da andere noch mit ihm hantieren: „Es ist nunmehr hantierbar an sich.“ (Ebd. S. 107) Hier wird die Ontologie der Hantierbarkeit eines hantierbaren Gegenstandes beschrieben, die derjenige erkennt, dem sie nicht mehr zugänglich ist. In Rückbezug auf die Situation im Benetton-Store heißt das, dass die ontologische Expansivität, die nicht allen zugänglich ist – jedoch ontologisch zu begreifen ist, da sie in der Bewegungsstruktur der sich expansiv bewegenden Subjekte verankert ist und stets existiert – nur diejenigen erkennen können, denen sie nicht zugänglich ist. Was hier zusätzlich zur Geltung kommt, ist ein Bruch in der intersubjektiven Wahrnehmung, die sich in beiden Beispielen der ontologischen Struktur zeigen: Diejenigen, denen der Gegenstand an sich nicht zugänglich ist, erkennen in ihm eine ontologische Struktur eines Teilbereichs des Gegenstandes – also des Hantierbaren oder der privilegierten Expansivität. So wird die Expansivität zuerst denjenigen bewusst, die sie erfahren, ihnen selbst jedoch nicht zugänglich ist oder Teil eines expansiven Bewegungsverständnisses im Raum sind. Die Erkenntnis dieser Ontologie des räumlichen Sich-Ausbreitens als weißes Privileg ist jener Bruch, der auch als Methode in der kritischen Phänomenologie dienen kann. Durch diese Disruption einer verfestigten Gewohnheit nämlich, die Phänomene erklären kann, kann der Blick auf die Dinge, wie sie sind, freigelegt werden.

Der Leib im Speziellen ist dabei das Vehikel des Zur-Welt-seins, mehr noch, der „Angelpunkt der Welt“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 106), der es einem Individuum möglich macht, sich mit etwas oder jemandem zu identifizieren. Erst dann und durch den Leib ist es möglich, dass der Mensch einer bestimmten Gruppe angehört, oder mit den Worten Merleau-Pontys ausgedrückt, sich einem bestimmten Milieu zugesellt. Diese Milieus sind Räume, deren Zuordnung durch und über die Individuen eine Rassifizierung erst möglich machen. Denn der Leib, der das Individuum ist, ist neben Punkt und Horizont das „dritte Moment“ (Ebd. S. 126) in einer Struktur, die denjenigen Figuren, die dem Raum innewohnen, durch die Verankerung auf doppeltem Horizont von Außenraum und Körperraum ein Profil verleiht. Kurzum: Profilierung im ersten und Rasse im darauffolgenden Schritt ist durch Raumzuordnung und das Zusammenwirken von Körperraum und Außenraum erst gemacht.

Es war im Benetton-Store also nicht der Clerk, der ein Doppelbewusstsein, also einen Zugang zum Phänomen, trotz Expansivität veranschaulicht oder dazu in der Lage wäre, es auszuprägen. Stattdessen ist es der Ladenbesitzer, der sich im Moment des möglichen Aufsehenerregens – sollte er sich den weißen Gepflogenheiten entgegengesetzt verhalten und die schwarze Jugendliche den Laden betreten lassen – der Raumzuordnung bewusst ist und so die Situation als eine erkennen kann, die aus Sicht der Schwarzen eine Eingrenzung der Möglichkeit und in der Konsequenz eine Expansivität in der Bewegung auf Seiten der Weißen bedeutet. Denn zugrunde liegt das Folgende: Räume sind „magnetized with meaning“ (Sullivan: Revealing Whiteness. S. 145).

2.1.3 Weißes Privileg

Am 6. Januar 2021 haben rund 800 Anhänger des abgewählten Präsidenten Donald Trump das Kapitol in Washington D.C gestürmt. Nicht nur wurde deutlich, dass eine sich im virtuellen Raum formierende Masse das Potential hat, in die analoge Realität einzutreten und sie zu verändern. Da es sich bei diesen Menschen vorwiegend um Weiße gehandelt hat, lässt sich anhand dieser Aktion auch ein phänomenologisches Selbstverständnis identifizieren, mit dem jener Mob relativ ungehindert bis zum Herzen von Amerikas Demokratie vorgedrungen ist, sich im Parlamentsgebäude niedergelassen und Sitzungen des Senats und des Repräsentantenhauses verhindert hat. In diesem Kontext besonders dienlich ist ein darauffolgend in den Medien publik gewordenes Gedankenexperiment: Was wäre passiert, hätten nicht Weiße das Kapitol gestürmt, sondern Menschen der Black Lives Matter-Bewegung? (https://www.washingtonpost.com/sports/2021/01/06/nba-players-coaches-capitol/)

Die relativ einstimmige Mutmaßung war, dass Schwarze wohl nicht hätten so weit vordringen können. Das Sicherheitspersonal wäre vehementer gegen sie vorgegangen, hätte Waffengewalt angewendet und der Protest wäre im Keim erstickt worden. An diesem Beispiel wird deutlich, welche Rolle jenem magnetisierten Raum zuzukommen scheint, dessen, aus Sicht der Schwarzen, ungerechte Beschaffenheit Sullivan in der Bewegung des weißen Privilegs erkennt. Die Beschaffenheit des Raumes rund um das Kapitol scheint so gepolt und auf die Lebensumstände der Weißen ausgerichtet zu sein, dass hier eine Expansivität der Weißen im Allgemeinen, sich verselbstständigten Verständnis der Bewegung bereits enthalten ist: „White existence tends to be allowed an expansiveness when transacting with its world that is not equally available to non-white people.“ (Sullivan: Revealing Whiteness. S. 148.)

Und eben jener Gedanke des Was-wäre-passiert ist der Bruch, die Erschütterung in der Wahrnehmung, zu dem auch ein Leib, dessen Milieu auf weißem Boden lebt, in der Lage ist. Die Voraussetzung ist, dass er es schafft, sein Selbstverständnis zu überwinden und den Leib als Angelpunkt seines Zur-Welt-seins zu erkennen, der wiederum nur eine Perspektive darstellt. Weiter muss er das Zur-Welt-sein der Anderen durch die ontologische Teileigenschaft dieses Verhältnisses sehen, obwohl ihm die Erkenntnis davon zuerst nicht zugänglich war. Im Gegensatz zu nicht-weißen Menschen haben Weiße also die Möglichkeit – wie auf dem Gelände vor dem und im Kapitol – und tendieren auch dazu, eine Gewohnheit der gelebten Räumlichkeit auszubilden. Nicht-Weiße dagegen sind dazu gezwungen, ihren Raum mitsamt seiner Eingrenzung zu akzeptieren. Die Weiß-heit des Raumes aktiviert die Transaktionen der weißen Individuen mit dem Raum eher, als dass sie diese hemmt. Durch konkrete Blickkonstellation sind also in diesem Fall rassifizierte Objekte und Raumstrukturen gegeben. Durch einen Bruch im Bewusstsein des Subjekts, das durch das Phänomen ausgelöst wird, ist es möglich, Zugang zum Phänomen selbst zu bekommen und so die lebensweltlichen Hintergründe freizulegen.

Die Bewegung, die jene Leiber vollführen, lässt den Raum und die Zeit dabei nicht passiv über sich ergehen, vielmehr nimmt sie beide Komponenten aktiv auf und übernimmt sie sogar. (Vgl.: Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 128.) Diese Erkenntnis legt die Schwachstelle von Sullivans Ansatz offen. Denn dieser ist subjektorientiert konzipiert und skizziert eine Subjektbewegung, die in ihrer dargestellten Absolutheit jedoch keinen umfassenden Umriss von Merleau-Pontys Verständnis einer Raum-Subjekt-Interaktion beschreibt. Sie bezieht zwar den Raum mit ein, das Verhältnis jedoch und die Rezeption der Gegenstände darin, wie der Raum also gestaltet ist, bleibt ungeklärt. Dass Sara Ahmed dies auf dem Feld Genderforschung vollzieht, ist lediglich ein Scheinproblem, denn beide Forschungsfelder durchdringen einander. Um diesem synkritischen Anspruch auch formal gerecht zu werden, wird das weiße Privileg demjenigen gegenübergestellt, das in der Gendertheorie eine heteronormative Gesellschaftsstruktur sein kann.

2.2 Bewegung vom Objekt

Nur der Körper, der sich räumlich auf geraden Linien bewegt und der, wie Mer- leau-Ponty sagt, das Mittel schlechthin ist, um überhaupt eine Welt, die wiederum den Ausdruck der gelebten Räumlichkeit überhaupt ermöglicht, zu haben, ist in der Lage, das Selbst in den Außenraum zu exportieren und so den Körperraum zu erweitern. (Vgl.: Ahmed: Queer Phenomenology. S. 66) Nicht nur ist es also eine Frage der über die Leibkonstellation entstandenen Rassifizierung des Raumes, wie sich der Ausdehnungsgrad einer Bewegung definiert, es ist weiter eine Betrachtung der Raumstruktur von Nöten und wie der Leib diesen einwohnt, sich den Gegenständen darin annähert und wie diese je nach Positionierung auf ihn einwirken, um gelebte und lebendige Räumlichkeit im Kontext des Konzeptes einer Phänomenologie der Wahrnehmung verschränken zu können.

Diese Raumstruktur zu dechiffrieren, versucht Merleau-Ponty mittels eines geometrischen Blickes auf die Räumlichkeit, den Sara Ahmed in ihrer Queer Phenomenology weiterdenkt. Quere Linien, die keiner geradlinigen Bewegung folgen, sind bei ihr nunmehr queere Linien, die einer Norm der heterosexuellen Gesellschaftsstrukur in die Quere kommen. Diese Norm drängt alles Fremde und Queere ab und wirkt sich auf die leibliche Bewegung und den Leib aus, der selbst Gegenstand und nicht etwa nur reiner Ermöglicher, sondern zugleich Rezipient des Erfahrungshorizontes der sich zum Raum bewegenden Leiber ist. (Vgl.: Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 96)

2.2.1 Raumniveau und Raumwahrnehmung

„[Merleau-Ponty] describes lived existence in terms of projective intentionality, in which one projects meaning onto the world rather than receives it as a ready-made given.“ (Sullivan: Revealing Whiteness. S. 163) Er sagt zwar, dass die Raumverhältnisse nur leben, da sie „aus einem sie beschreibenden und tragenden Subjekt“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 285) heraus zur Welt existieren, doch kommt es auch auf die Gegenstände und ihre Stellung im Raum an und wie stark diese Verhältnisse zum Subjekt ausgeprägt sind und so von diesem hergestellt werden. Denn den Raum an seinem Ursprungsort zu begreifen, heißt, von einem verräum- lichten Raum zum Konzept des vom Subjekt verräumlichenden Raumes (Vgl.: ebd.) vorzudringen. Dass jenes Konzept weitergedacht und im Sinne eines Raumes, der sich in der Erscheinung verankert, verstanden werden muss, schließt aber den Zugang über den geometrischen Raum zur Denkbarkeit einer reinen Ortsbewegung und so auch eine „von der Situation eines Gegenstandes in seinem konkreten Kontext unterschiedene reine Position“ (Ebd.) nicht aus. Das Raumniveau wiederum, das „nicht mit der Orientierung des eigenen Leibes zusammenfällt“ (Ebd. S. 291), konstituiert sich im Bewusstsein jenes eigenen Leibes, der seine Orientierung wiederum zuerst aus einem allgemeinen Niveau der Erfahrung erhält: „Es ist nichts anderes als eine Weise des Weltbesitzes meines Leibes, eine Art des Anhalts meines Leibes an der Welt.“ (Ebd. S. 292)

Den Raum wahrzunehmen, bedeutet für das Individuum die Hinnahme des realen Raums. Die phänomenale Orientierung der Gegenstände ist ein Reflex jener Wahrnehmung, wenn sie versucht, sich in der Welt zu orientieren. Diese Orientierung des Gegenstandes ist es schließlich auch, die den Sinn des Gegenstandes selbst ausmacht: „Die Orientierung im Raum ist nicht ein lediglich kontingenter Charakter des Gegenstandes, sie ist selber das Mittel, vermöge dessen wir ihn erkennen und seiner als Gegenstand bewusst sind“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 295). Dass der Gegenstand ohne den Leib somit nicht sein kann, denn von ihm geht der Blick aus, der das Gegenstand-sein einem Sein-für-den-Blick gleichsetzt, ist eine Erkenntnis, die nicht als eine rein subjektive, vom Leib ausgehende Triebkraft angesehen werden darf, denn dieser ist trotz seiner Stellung und seiner Wahrnehmung der Gegenstände eben mit diesen im Raum konstituiert, während seine Orientierung von derjenigen der Gegenstände abhängt, was somit bedeutet, dass auch das Denken von Welt und Gegenstand eingenommen ist.

2.2.2 Relative Bewegung und Orientierung über den Gegenstand

Die Bewegung im Raum beschreibt Merleau-Ponty mittels vermeintlicher Tiefenzeichen als Motive. Konkret heißt das, dass sich ein Abstand zwischen Subjekt und Objekt durch die „scheinbare Größe des Gegenstandes“ (Ebd. S. 299) zeigt. Lotet er den Raum zunächst im geometrischen Maßstab aus, wird im nächsten Schritt eine psychologische Herangehensweise aufgezeigt, die einen Ausgang aus jener geometrischen Fixierung denkbar macht, indem anerkannt wird, „daß scheinbare Größe und Konvergenz in der Wahrnehmung selbst nicht als objektive Tatsachen gegeben sind“ (Ebd. S. 301). Phänomene zu beschreiben, wie sie vor dem Versuch einer Beschreibung der objektiven Welt auftreten, was einer Behauptung eines neutralen Raums nahekommt, ist nunmehr möglich. Dieser psychologische Exodus macht in der Folge auch den Schritt von queren Linien zwischen Subjekt und Objekt im geometrischen Sinne zu einem queeren Verhältnis, den Ahmed in ihrer Queer Phenomenology macht, nachvollziehbar. Ist ein Subjekt motiviert, mit der Umgebung auf eine bestimmte Weise zu interagieren, und es folgt ein Entschluss, sich eine Situation zu eigen zu machen, bringt dies eine Wechselwirkung von Motivierendem und Motiviertem mit sich, die in eine Analogie mit der scheinbaren Größe der Gegenstände und der Tiefe des Raumes gesetzt werden kann. Die Orientierung in diesem räumlichen Gefüge konstituiert sich zum einen also eindeutig durch einen umfassenden Akt des Wahrnehmungssubjekts und seiner Motivation. Selbst die Wahrnehmung eines Zimmers, das ursprünglich klar durch vertikale und horizontale Linien eingeteilt ist, über einen Spiegel in einem Neigungswinkel von 45° reflektiert wird und folglich erstmal als schief und seltsam aufgefasst wird, wird einem subjektgetriebenen Nachjustieren in der Wahrnehmung unterzogen und bedeutet eine Umorientierung, die eine rein objektive Deskription der nicht mehr vertikalen Achsen und somit schiefen Linien ausschließt: „Die Wände des Zimmers, der darin sich bewegende Mensch und die Fallbewegung werden wieder vertikal.“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 290)

Ahmed flicht dieses zunächst rein geometrische Verständnis der queren Relation als Grundlage in ihre queere Theorie ein, um phänomenologisch zu einer queeren Wahrnehmung im gendertheoretischen Sinne zu gelangen und integriert sexuelle Ausrichtungen mittels Geraden in einem Koordinatensystem, wobei die vertikalen und horizontalen Symmetrieachsen in einen biologischen Kontext gesetzt werden: Eine queere Linie ist dabei so beschaffen, intentioniert und motiviert, dass sie sich sowohl der horizontalen, also der biologischen Vereinigung im Sinne der Fortpflanzung, als auch der vertikalen Ausrichtung, also dem biologischen Resultat dieser Vereinigung, widersetzt und sich somit in einer Gleichung mit heterosexuellen Vorzeichen keine Parallele zur X- oder Y-Achse darstellen lässt, da sie nicht dem Zweck der Fortpflanzung dient. Den geometrischen Exodus erneut vollziehend und Merleau-Pontys Ansatz berücksichtigend, dass eine Orientierung des Subjekts im Raum über das Objekt stattfindet (Vgl.: ebd. S. 125), knüpft Ahmed mit ihrer Theorie an, indem sie den Objekten im Raum eine tragende Rolle in Bezug auf die sexuelle Orientierung zuschreibt.

2.2.3 Heteronormativität

Ahmed zieht aus dem Spiegelphänomen den Schluss, dass queere Linien, die ebenso wie gerade Linien eine Beziehung von Raum und Subjekt bezeichnen, in der subjektiven Wahrnehmung begradigt beziehungsweise wieder in eine gerade Vorwärtsbewegung umgewandelt werden. Alternativ kann unter Berücksichtigung des Ansatzes des phänomenologischen Zögerns von Sullivan ein neuer Schluss formuliert werden: Denn bedeutet eine Begradigung des Queeren nicht auch, dass hier der Zeitraum des Nicht-wahrhaben-wollens im Sinne Merleau-Pontys – basierend auf der relativ kurzen Zeit, die eine Nachjustierung in der subjektiven Wahrnehmung in Anspruch nimmt – verkürzt wird? So kann über den virtuellen Leib, der sich im Raum innerhalb des Spiegels befindet, eine phenomenology of hesitation ausgemacht werden, die mit ihrer Interpretation der Gewöhnung an eine Situation eine Veränderung in Aussicht stellt: Schiefe, quere und folglich queere Linien müssen nicht für immer einen als seltsam aufgefassten Eindruck erwecken – vielmehr sind auch sie dazu in der Lage, zur Norm zu werden. Jene Norm jedoch wird bei Ahmed als eine rein heterosexuelle gedeutet. Ebenso wie der Raum von Weißen im Zuge ihrer sich verselbstständigten expansiven Bewegung als neutral wahrgenommen wird, variiert die Wahrnehmung einer sexuellen Ausrichtung im Raum dahingehend, als dass Heterosexualität als neutral oder normal, also als Norm, betrachtet wird, während Homosexuelle oder Queere eine gewisse Orientierung weg vom Geradlinigen vollziehen und folglich aus einem heterosexuellen Verständnis, also aus einem Normverständnis, heraus, nicht neutral und normal sind. (Vgl.: Ahmed: Queer Phenomenology. S. 69)

Wollte man dieses Phänomen der Heteronormativität in ein geometrisches System eintragen, so könnte man folgendermaßen vorgehen: „The vertical is hence normative; it is shaped by the repetition of bodily and social actions over time.“ (Ebd. S. 66) Durch die zeitliche Komponente, die nicht nur durch leibliche Motivation sichtbar wird, sondern auch in Objekten verankert ist, wird eine Verfestigung von Handlungen im gesellschaftlichen Kontext aufgegriffen, deren Auflockerung auch Ziel der kritischen Phänomenologie sein kann. Heterosexualität wird durch im Raum positionierte Gegenstände forciert und begünstigt oder allgemeiner gesprochen: „Bodies are sexualized through how they inhabit space“ (Ebd. S. 67). Mit anderen Worten: Ahmeds Ansatz ist es, eine „spatiality of sexual orientation“ (Ebd. S. 68) zu formulieren, die klar stellt, dass sexuelle Ausrichtung der Subjekte mit der Konstellation von deren Beziehungen zu den Gegenständen im Raum zusammenhängt. Eine normative Beschaffenheit einer vertikalen Ausrichtung ist dann gegeben, wenn sich wiederholende körperliche und soziale Vorgänge über einen gewissen Zeitraum zu einer solchen geformt haben – es ist der Körper selbst, der seinen Blick geradeaus richtet, um sich im Raum auszudehnen.

Die von Ahmed begründete Queer Phenomenology steht also jenen Auffassungen gegenüber, die besagen, dass eine heterosexuelle Ausrichtung biologisch zu verstehen ist. Die Ausrichtung des männlichen Geschlechts, das gewissermaßen auf die einladende Form – nach Freud (Ahmed verweist hier auf die Untersuchung A Psychogeneses of a case of homosexuality in women von Sigmund Freud) verstanden als etwas, in das Mann eintreten kann – des weiblichen Geschlechts auf einer gerade ausgerichteten Linie deutet, sieht sie im Urzustand nicht gegeben. Vielmehr sind diese heteronormativen Strukturen kulturell bedingt, gewissermaßen gemacht, was nichts anderes bedeutet, als dass man erst im Zuge der Orientierung im Raum straight wird. Für diesen Vorgang sind Objekte und deren Position im Raum essentiell. Nimmt man einen Tisch als Objekt, worin sich die Orientierung vieler Subjekte vereinen kann – der Tisch kann gleichsam die Rolle eines Mediators einnehmen – so wird in der Vereinigung und Ausrichtung, wie die Subjekte um den Tisch positioniert sind, deutlich, welche Anordnungen intersubjektiv normativ sind: „The table here is something ,tangible‘ that makes a sense of relatedness possible.” (Ahmed: Queer Phenomenology. S. 81) Ahmed schildert ein Szenario, in dem sie und ihre Partnerin an einem Tisch mit heterosexuellen Paaren sitzen. Die Norm stellt jene Frau-Mann-Konstellation dar, die sich gegenübersitzen – das horizontale Verhältnis ist also gleichsam über den Tisch gespannt – während zwei Frauen, die sich gegenübersitzen, sich dieser sich am Tisch wiederholenden Konstellation verwehren.

Doch auch das Objekt selbst kann Heteronormativität fördern: „Bodies become straight by tending toward straight objects” (Ebd. S. 86). Zentral ist hierbei, dass den Objekten eine Aktivität zugesprochen werden kann, und es eine Rolle spielt, wie sie sich im Raum verhalten, denn durch eine räumliche Abgrenzung – Objekte können in ihrer Erreichbarkeit für das Subjekt divergieren – wohnt den Objekten ein Handlungsspielraum ein: Ein Szenario ist nun denkbar, „where ,things‘ might include actions (,doing things‘)“ (Ebd. S. 87). Dass die Objekte – je nachdem wie sie arrangiert sind – einen Rückraum im geometrischen Sinne sowie einen Hintergrund im metaphysischen Sinne produzieren, zeigt sie anhand konkreter Beispiele auf: Sie nennt und be- schreibt ein prominent platziertes Fondue-Set – dabei handelt es sich um ein Hochzeitsgeschenk – oder Hochzeitsfotografien, welche die Wand, an der sie hängen, zu mehr machen als einer räumlichen Abgrenzung. Denn so wird diese selbst zu einem heterosexuellen Objekt, das eine „fantasy of a good life“ (Ahmed: Queer Phenomenology. S. 90) propagiert und somit He- terosexualität weiter als jenes Geschenk postuliert, das es zu erreichen gilt oder, anders gesagt, zur Norm werden muss.

2.3 Subjektgetriebene Bewegung über das Objekt

And though there are clearly good historical reasons for keeping „race“ and „sexuality“ and „sexual difference“ as separate analytic spheres, there are also quite pressing and significant historical reasons for asking how and where we might read not only their convergence, but the sites at which the one cannot be constituted save through the other.

Judith Butler: Bodies that matter. S. 168.

Dass Heteronormativität also auch als dasjenige sexualgesellschaftliche Produkt gedacht werden kann, das expansiv ist und sich über bestimmte Objektkonstellationen ausdrückt, die eine subjektgetriebene Ausdehnung in geradlinigem Bewegungsschema in sich tragen, ist ein Ansatz, der sich mittels einer synkritischen und interdisziplinären Beobachtung ausdrücken lässt: „Das Forschen des Blicks, der eben alle Gegenstände überflog, setzt sich nunmehr innerhalb des einen Gegenstandes fort; in ein und derselben Bewegung erschließt sich der Gegenstand und verschließt sich seiner Umgebung.“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 91) Wenn Merleau-Ponty sagt, dass sich die Räumlichkeit des Leibes im Handeln vollzieht und so erst erkennbar wird, liegt es nahe, die Eigenbewegung genauer zu betrachten. Lebendige und gelebte Räumlichkeit beziehungsweise subjekt- und objektgetriebene Bewegung sind also auch dahingehend vereinbar, dass beiden eine ontologische Möglichkeit einer Norm zugrunde liegt, die sich in einer Bewegung vom Subjekt über das Objekt denken lässt.

2.3.1 Mittelbare Ausdehnung

Mithilfe jenes Bruchs in der Wahrnehmung, aus dem in der Folge ein In-etwas- hineinversetzen werden kann, gelingt ein Zugang zur Objektebene, deren Norm sich über eine geradlinige Bewegungsstruktur ausdehnt und deren Geschichte sich über den Gegenstand und seine Positionierung ausdehnt: „Wenn ich von einem Gegenstand sage, er liege auf dem Tisch, so versetze ich immer mich in Gedanken in diesen Gegenstand und in den Tisch und wende auf beide einen Begriff an, der ursprünglich beheimatet ist in den Verhältnissen meines Leibes zu äußeren Gegenständen.“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 126) Dass jener Begriff also einer ist, der zunächst durch Leibkonstellationen entstanden ist und im Objekt weiterexistieren kann, ist die Grundlage für die These einer mittelbaren Ausdehnung eines Privilegs über den Gegenstand. Dass sich das Subjekt im Raum durch Orientierung der Objekte im Raum bewusst wird und diesen Gegenständen – genauso wenig wie ein neutraler Raum möglich ist – keine Neutralität zugrunde liegt, ist die Voraussetzung dafür, dass sich das gleichsam im Subjekt entstandene Objekt im Raum orientiert und eine Unmöglichkeit einer Neutralität der Gegenstände mit sich bringt. Dieser Raum ist dann mitsamt seinen Objekten, deren Projektion der an ihnen haftenden Geschichten, subjektentsprungenen Symbolhaftigkeit und Bedeutung dazu in der Lage, sein gesamtes Inneres, das zuvor im Inneren der Leiber war, die jene Objekte mit Inhalt füllen, in eine Gesellschaft auszusenden und diese zu verändern: „The meaning of our spatiality is that we are thrown outside ourselves, and thus into the field and care of an interpersonal world.“ (Jacobson: Spatiality and Agency. In: Puncta. Vol. 3.2 2020. S. 66)

Dass auch diese Form der Expansivität als ontologisch angesehen werden kann, ist auch von Merleau-Ponty aus argumentierbar, der, auf Descartes bezugnehmend, fast schon treffend genau eine solche ontologische Expansivität des Gegenstandes zu beschreiben scheint, denn es ist die Bewegung der räumlichen Ausbreitung, durch die das An-sich-sein überhaupt sinnhaft wird. Das bedeutet nichts anderes, als dass dem Objekt nur durch eine Ontologie seiner Existenz und erst durch die expansive Bewegung eine Bedeutung zugesprochen werden kann. Dass „Räumlichkeit des Dinges und Dingsein des Dinges“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 179) also ineinandergreifen, eröffnet einen weiteren Blickwinkel auf Sullivans Ansatz der rein subjektgetrieben Expansivität, die somit auf die Raumbestimmungen übertragen wird, die wiederum das Wesen des Gegenstandes ausmachen. Die Beschaffenheit des Raumes, die Positionierung der Gegenstände, das Verschließen und Erschließen der Objekte den Leibern gegenüber – das alles sind Teilaspekte dafür, warum die Gegenstände eine sinnhafte Ordnung an den Leib vermitteln: Dadurch, dass das Objekt von uns als sinnvoll wahrgenommen wird, ist es in sich selbst expansiv und dehnt sich aus. Jene Hantierbarkeit, die ebenso ein ontologisches Verständnis der Eigenschaft der Gegenstände ermöglicht, lässt sich dabei um eine Händigkeit erweitern: „How orientations are effects of work, at the same time as the fed ,as if‘ they were like ,handedness‘ as a way of being in the body, by being directed in some ways more than others” (Ahmed: Queer Phenomenology. S. 86). Die Händigkeit, als etwas zu verstehen, das im Körper existent, in der Bewegung präexistent ist, somit nicht wegzudenken und folglich ontologisch ist, ist in jener Hantierbarkeit wiederzufinden, die dem Objekt, das mit dem Leib in Interaktion steht – und als solches trotzdem steht, selbst wenn der Leib mangels Glieder zur Interaktion nicht in der Lage ist – nicht abgesprochen werden kann. Dass die Hantierbarkeit wie die Händigkeit im Objekt verankert ist, spricht dafür, dass auch eine Expansionsbewegung im Objekt vorhanden ist, diese vom Subjekt gedacht aber als mittelbar angesehen werden muss, da das Subjekt das Objekt gleichsam als Mittel dazu verwendet, sich im Raum zu bewegen und auszudehnen.

2.3.2 Exotisiertes Objekt

Sieht man sich in den Wohnzimmern deutscher Haushalte um, so fallen häufig Figuren, Statuen, Gemälde und Gebilde auf, die afrikanischer Kultur entlehnt und oftmals dilettantisch anmuten: ein Schild der südafrikanischen Volksgruppe der Zulu hängt an der Wand und macht diese zu einer mehr künstlichen als künstlerischen Ausstellung, eine Namji-Puppe ist auf der Kommode arrangiert und darüber hängt eine Maske aus Holz und Kupfer – in den allermeisten Fällen handelt es sich nicht um Exemplare aus Afrika, sondern um Imitate. Was hier passiert, ist, dass sich eine privilegierte Gesellschaftsgruppe durch hantierbare und aufstellbare Objekte afrikanischer Kultur eine Spielart des Exotischen in die eigene Wahrnehmung, mehr noch, in die eigenen vier Wände holt, deren kultureller Ursprung nicht in respekt- voller Form den afrikanischen Völkern gegenüber zur Geltung kommt. Vielmehr werden diese Gegenstände zur Schau gestellt, werden wie selbstverständlich in die Umgebung integriert, um dem oftmals eher pragmatischen Interieur einen exotischen Touch zu verleihen. Die meist recht prominente Platzierung dieser Gegenstände nimmt dabei Einfluss auf die Orientierung der Subjekte im Raum und deren Wahrnehmung der Gegenstände. Steht ein Pfahl mit übereinander geschichteten Elefanten in der Ecke des Raums und definiert diesen rechten Winkel von einem rein geometrischen Eckpunkt in einen metaphysischen Richtwert um, mit deren Arrangement ständig suggeriert wird, dass diese Tiere auf wilden Safaritouren nichts anderes darstellen als eine den Privilegierten vorbehaltene Selbstkrönung, so orientiert sich der Leib im Raum stets an diesen Eckpfeilern, die aus einer Wahrnehmung über das Objekt eine rassistische Normwerdung mit sich bringt.

Masken, Pfähle und Wanddecken sind hierbei jene exotisierten Objekte, die Geschichte des Wilden in sich tragen. Da diese Gegenstände im weiß besetzten Wohnraum von Weißen drapiert worden sind, nehmen diese über die exotisierten Objekte im Raum mittelbar eine expansive Rolle ein. Durch sie dehnt sich das weiße Privileg mittels ungefragter Übernahme von Objekten einer anderen Kultur über einen Gegenstand ungehemmt aus. Die ursprüngliche, in diesem Fall afrikanische, Konnotation des Gegenstands ist in der Folge kaum noch erkennbar oder geltend, da die Ausstellungseigenschaft des Objekts überwiegt – es verfestigt sich so das Phänomen des scheinbar Entgegengesetzten von Privilegiertem und dem domestizierten Wilden. Denkt man den Heimbegriff weiter – denn es geht, den heimischen Aspekt und wie ein wohnliches Zuhause aussehen kann berücksichtigend, unter anderem darum, dass „security and continuity extend beyond the scope of the home or shelter itself, into both our politics and culture“ (Bormanis: Spaces of Belonging. In: Puncta. Vol. 2. 2019. S. 28) – ist davon auszugehen, dass heimische Kultur- pflege, zum Beispiel die Tatsache, aus welchen Kulturen die Einrichtung stammt, auf das Wohlbefinden des Einzelnen und in der Folge in sich ständige wiederholenden Verfestigungen auf die Normativität einer ganzen Gesellschaft Einfluss nimmt: Dass sich Weiße meist nicht darüber im Klaren sind, dass sie rassistisch handeln, wenn sie afrikanische Masken in ihren Wohnzimmern drapieren und in ein koloniales Trophäendenken abrutschen, ist wiederum Symptom des fehlenden Doppelbewusstseins, da es sich bei dem Eigenheim um eine Welt in der Welt handelt, deren Orientierung von der Bewegung zueinander abhängt und in der Folge erneut eine Neutralität vermittelt.

2.3.3 Invasion und Expansion

Wie aber ist jene Verankerung des Triumphes über das Wilde in den besprochenen Gegenständen zustande gekommen? Es sind erneut privilegierte Gesellschaftsgruppen, die den Raum als neutral wahrnehmen und sich in ihm ungehemmt ausbreiten, doch bereits zuvor ist ein Prozess im Gang, der Privilegierte in fremden Raum eindringen lässt, und der im Anschluss erneut als neutral wahrgenommen wird. Es ist zentral, dass gerade das Historische, die Geschichte im Hintergrund der Objekte, dasjenige ist, was ein Heim zu etwas Wohnbarem macht, wo man sich gerne aufhält: „A house that clears space for dwelling is one that makes room for our journey through time“ (Bormanis: Spaces of Belonging. In: Puncta. Vol. 2. 2019. S. 28). Dass die Geschichte der darin platzierten, exotisierten Gegenstände aber eine für die afrikanische Bevölkerung durchaus grausame ist, ist in der gegenwärtigen Wahrnehmung kaum verankert. Stattdessen ist es so, dass sich Kolonisation und kulturelle Unterwerfung des afrikanischen Kontinents, also die invasive und im Anschluss expansive Bewegung vonseiten der europäischen Eroberer, im Objekt manifestiert, das auf Basis einer Domestizierung des Wilden und der Verkünstlichung ihrer Kultur exotisiert ist.

Was zunächst als geografisch und somit auch geometrisch invasive Bewegung zu begreifen ist, ist erneut zu einer metaphysisch expansiven mutiert, da sich der historische Hintergrund des Objekts und sein Arrangement im Raum der privilegierten Wahrnehmung eines trauten Heims einfügt. Ein Gegenstand also, der zunächst nicht der kulturellen Norm entspricht, gewissermaßen als queer verstanden werden kann, denn das Queere beinhaltet stets eine „relation of resistance to whatever constitutes the normal” (Jagose: Queer Theory. S. 99), wird in der Wahrnehmung angeglichen, begradigt und konturiert in der Folge die geometrischen Grenzen im Raum. Die Orientierung gelingt folglich nur noch über die Wegmarken des exotisierten Objekts. Der Bruch und somit das Doppelbewusstsein fehlen, eine Auflösung ist also nicht möglich. Ein Ansatz wäre jedoch, dass „[wir] den Ursprungsort des Gegenstandes im Innersten unserer Erfahrung selbst aufsuchen“ (Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 96). Warum jene Objekte plötzlich im normativen Verständnis fortexistieren, kann dabei nur aus einer perspektivischen Warte erklärt werden: „Unser Leib und unsere Wahrnehmung fordern beständig uns auf, die Umgebung, die sie uns bieten, als Mittelpunkt der Welt zu nehmen. Doch diese Umgebung ist nicht notwendigerweise die unseres Lebens selbst.“ (Ebd. S. 332)

3 Metaphysische Ausdehnung

Der Raum und seine Expansivität sind schließlich auch im physikalischen Sinn ein gängiger Zugang zur Erklärung aller Existenz, nimmt man die Theorie des Urknalls und die stetige Expansion des Universums. Dem Objekt darin kommt dabei eine ganz eigene Rolle zu. Hierauf aufbauend kann der Begriff der ontologischen Expansivität als eine Weiterentwicklung im Sinne Merleau-Pontys gedacht und fortgeführt werden. Um zu jener ontologischen Komponente der Ausdehnung zu gelangen, die sich stets fortführende Aktualität zu berücksichtigen und genauere Überlegungen anstellen zu können, muss man neben dem Raum auch die Zeitlichkeit in Betracht zu ziehen: Die Erfahrung, die Merleau-Ponty als Ursprungsort des Gegenstandes festsetzt, dient auch hier als Quelle einer Festlegung der Möglichkeit einer ontologischen Expansivität: „Man [kann] Anfang oder Ende der Welt überhaupt nicht denken.“ (Waldenfels: Das leibliche Selbst. S. 125)

So findet man auch bei Kant, speziell in der Antithesis der Antinomie der reinen Vernunft, einen Ansatz einer räumlichen und zeitlichen Offenheit: „Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehnung der Zeit, als des Raumes, unendlich.“ (Kant: KrV. S. 469) Der leere Raum, der außerhalb der Grenzen von Anfang und Ende steht und kein Verhältnis zu den uns zugänglichen Gegenständen hat, ist so charakterisiert, dass er vor und nach einer Zeit existiert hat und existieren wird, in der die Welt nicht war beziehungsweise nicht sein wird. Da dieser leere Raum aber eben nicht dazu in der Lage ist, die Grenzen des Anfangs und des Endes zu markieren, er ist ja leer und somit „nichts“, kann über jene Grenzen hinaus kein Verhältnis zum Gegenstand hergestellt werden, weil sich im leeren Raum kein Gegenstand befindet. Das bedeutet, dass „die Welt, dem Raume nach, gar nicht begrenzt [ist], d. i. sie ist in Ansehnung der Ausdehnung unendlich.“ (Ebd. S. 471) Diese Welt als Ursprungsnorm zu begreifen und von ihr aus auf eine Ontologie der Ausdehnung aller sich in ihr befindlichen Gegenstände zu schließen, ist eine Möglichkeit, der ontologischen Expansivität von Sullivan mehr Volumen zu geben und ihr theoretisches Gefüge selbst auszuweiten und sogleich den Weg über das Objekt zu gehen.

Bildquelle: Twin Peaks: The Return © 2018 Paramount Home Entertainment